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Jungen – Heldenspieler im Frauenland? Teil 1

Grundlagen geschlechtsbewusster Pädagogik

Erstveröffentlichung in: klein & groß, Ausgabe 10/2008, Seite 43 ff.
© 2008 Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH

Ein Artikel von Peter Moser

Bereits in der Familie mangelt es vielen Kindern an einer kontinuierlichen, lebendigen Begleitung und Erziehung durch den Vater oder durch andere Männer. Mehr noch als in der Familie, ist das Aufwachsen von Jungen und Mädchen in Kindereinrichtungen durch eine weitgehend völlige Abwesenheit der Männer geprägt. Dass dies einen Einfluss auf die Lebenslagen und das Verhalten von Jungen hat, wird zunehmend er forscht und beobachtet. Erzieherinnen und Erzieher stehen hier vor einer besonders sensiblen Aufgabe, die aber auch neue Handlungs- und Entwicklungsfelder eröffnet.

Jungen auf der Suche nach männlicher Identität
Bereits mit Eintritt in den Kindergarten ordnen Jungen und Mädchen sich selbst und die anderen Kinder einem Ge schlecht zu. Dabei handelt es sich um einen komplexen sozialen Bildungsprozess, in welchem Jungen und Mädchen herausfinden wollen und müssen, was es be deutet, ein Junge bzw. ein Mädchen zu sein. Wenn man sie lässt, bilden Jungen und Mädchen häufiger geschlechtshomogene Spielgruppen als geschlechtsgemischte. „Falsches“, d. h. geschlechtsuntypisches Verhalten, wird durch die Gruppe sanktioniert. Geschlechtsbe zogenes Rollenverhalten wird im Spiel, häufig sogar überbetont, eingeübt.
Auf Grund der Abwesenheit von Männern im Alltag von Jungen bleibt für diese das Bild von „richtigen“ Verhalten abstrakt und einseitig geprägt. „Junge sein“ ist dann oft eine Art Negativmatrix zu dem, was Mädchen und Frauen sind und tun. Die Jungen erleben zu wenige Möglichkeiten, sich mit lebendigen Männern zu identifizieren und sich an diesen zu orientieren. Ihnen fehlen differenzierte Bilder darüber, was Männer tun, wie sie sprechen, fühlen, wie sie riechen und sich ihr Körper anfühlt, und können häufig alltägliches Mannsein nicht spielen. Viele Jungen entwickeln eine abstrakte und eingeschränkte Vorstellung von Männlichkeit und männlichem Verhalten. Diese Männlichkeitsbilder sind zumeist vom Heldentum und von Eigenschaften wie Stärke, Leistung, Erfolg haben, Sieger sein, Rationalität und Gefühlsverdrängung geprägt. Die erlaubten Verhaltensmöglichkeiten von Jungen sind oft geschlechtsspezifisch eingeschränkt. Jungen fehlt es dann an emotionalem Austausch, wobei es hier wiederum vor allem die als „weiblich“ empfundenen Gefühle, Bedürfnisse und Verhaltensmöglichkeiten sind, die in Jungenbeziehungen häufig ausgeblendet werden. In der Gruppe können Jungen beispielsweise Nähe- und Ge bor genheitswünsche oder Hilflosigkeitsund Ohnmachtgefühle nicht zeigen und ausdrücken, weil sie diese selbst als „falsch“ empfinden und/oder befürchten müssen, von den Gleichaltrigen abgewertet zu werden.

Geschlechtsbewusste Pädagogik mit Jungen
Erzieherinnen werden immer wieder mit „typischem Jungenverhalten“ (laut, aggressiv, raumergreifend ...) von Jungen konfrontiert, können aber Botschaften und Signale, Bedürfnisse und Gefühle hinter diesem Verhalten der Jungen nicht verstehen. So begegnen sich viele Jungen auf körperlicher Ebene mit Formen wie Raufen und Toben. Dieses Verhalten ist vielen Erzieherinnen fremd und wird schließlich als unsoziales Verhalten, als Aggression oder Gewaltausübung gedeutet und bewertet. Übersehen wird, dass dies „männlich legitimierte“ Formen sind, mit welchen Jungen körperliche Nähe herstellen können. Da Jungen Zärtlichkeit unter Männern kaum erleben bzw. diese ab gewertet wird, können sie zärtliche Formen der körperlichen Nähe untereinander ohne pädagogische Ermutigung kaum in ihr eigenes Selbstkonzept integrieren. Anstatt Raufen und Toben als störend, destruktiv, unsozial, hyperaktiv usw. zu bewerten und zu unterbinden, bietet eine geschlechtsbewuss te Päda gogik den Jungen Räume und Formen an, in welchen sie einerseits die Unterstützung erhalten, sich auch in tobenden, lauten, kämpfenden, balgen den Formen zu begegnen und andererseits zu erweiterten Formen der körperlichen Begegnungen ermutigt werden (z. B. Massagen, sanfte Berührungen).

Selbstreflexion
Das wichtigste Handwerkszeug von Pädagogen und Pädagoginnen ist die eigene Persönlichkeit. Wir wirken als Menschen mit unseren Besonderheiten, Eigenheiten und unserer gesamten Lebenserfahrung. Einen großen Teil der pädagogischen Fachlichkeit in der Arbeit mit Jungen macht die Wahrnehmung und Reflexion der eigenen Geschichte mit Jungen und Männern aus. Reflexionsfragen hierzu sind zum Beispiel: Wie sehe ich Jungen? Welche Gefühle lösen Jungen bei mir aus? Welche Rollen und Aufgaben gebe ich Ihnen? Welche persönlichen Erfahrungen habe ich mit Jungen als Mädchen und als Frau? Wie erlebe ich Männer, meinen Ehemann/ Lebenspartner oder andere Männer?
Selbstreflexion beinhaltet, das eigene Rollenverhalten zu hinterfragen, persönliche Begrenzungen zu erkennen und möglicherweise zu überwinden. Dabei ist es wichtig, dass die Erzieherin nicht „den Jungen zuliebe“ oder als Ersatz für abwesende Männer neue (männliche) Eigenschaften einübt. Eine Erweiterung ihrer bisherigen Verhaltensmöglichkeiten soll vielmehr ein Gewinn für ihre eigene Persönlichkeit sein: etwa Spaß zu haben am eigenen Rumtoben, sich als Frau unabhängig fühlen zu können, weil sie Reparatur selbst durchführen kann, oder Zorn und Ärger nicht gegen sich selbst zu richten, sondern damit fruchtbar nach vorne gehen zu können. Beziehungsarbeit bedeutet, den Jungen mit seinen eigenen Stärken und Schwächen, mit den eigenen Möglichkeiten und Grenzen authentisch gegen überzutreten und so eine Reibungsfläche zu bieten. Jungen orientieren sich nicht nur an Männern oder Männlichkeitsbildern, sondern auch an der Bewertung und Beurteilung durch Frauen.

Mehr wissen
Um Jungen besser zu verstehen zu können, ist es nötig, mehr über die Besonderheiten der Sozialisation von Jungen zu wissen. Dazu gehört, sich mit unterschiedlichen theoretischen Zugängen auseinanderzusetzen, diese mit den eigenen Glaubenssätzen abzugleichen und alte Erklärungsmuster in Frage zu stellen. Vor allem die Auseinandersetzung mit typischen „männlichen“ Verhaltensmustern sowie die Entwicklung eines eigenen pädagogischen Umgangs damit kann für viele Erzieherinnen hilfreich sein. Um dies zu können, sollten sie sich über die Dynamiken von typischem Jungenverhalten informieren und einüben, diese zu deuten. Sie sollten lernen Hypothesen zu bilden, welche Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche, Themen hinter dem jungentypischen Verhalten stehen könnten, und Ideen entwickeln, wie sie diese Themen aufgreifen und pädagogisch bearbeiten können.

Aggression und Hingabe
Am wichtigsten erscheint mir aber eine bewusste Gestaltung des Umgangs mit Raufen, Kämpfen und Toben. Kämpfen scheint für viele Jungen so wichtig zu sein wie die Luft zum Atmen. Die „alte”, traditionelle Männerrolle verlangt und erwartet von Männern Aggressions- und Gewaltbereitschaft. Sie beinhaltet auch die Rolle des Kriegers bzw. Be schützers. Zu dieser gehört z. B. die Fähigkeit, Schmerzen aushalten zu können oder Verletzungen in Kauf zu nehmen. Männer sollen im Ernstfall ihr Leben für die Familie bzw. Gemeinschaft einsetzen. Solch kämpfende Helden begegnen den Jungen täglich in Medien und Konsumbildern, oft viel häufiger als etwa ein humorvoller oder sensibler Vater. Jungen lernen im Spiel das Einüben dieser Heldenrollen.
Kämpfen und Toben erlaubt den Jungen aber auch ihre Nähe- und Geborgenheitswünsche auszudrücken. Es dient auch dazu, auf legitimierte Weise lustvoll seinen Körper und den Körper des anderen spüren zu dürfen. Jungen (und Mädchen) brauchen daher Erlaubnis, Formen und Räume in welchen sie kämpfen und toben dürfen. Um mit Aggression konstruktiv umzugehen, bedarf es Formen der körperlichen Auseinandersetzung, die gewährleisten, dass Gewalt und Verletzungen vermieden werden, Grenzen akzeptiert und Regeln eingehalten werden. Als Gegenelement zu den Kampfspielen und Aggressionsübungen sollten – möglichst mit dem gleichen Partner – Hingabe übungen angeboten werden wie z. B. Massage, Halten usw. Bei solchen Körperübungen sollte es immer – wie auch bei den Kampfspielen – die Möglichkeit geben, nicht teilzunehmen.

Alltägliches Genderbewusstsein
Das „Frauenland“ Kita ist häufig ein Ort in welchem „weibliche“ Tätigkeiten mehr Einfühlung und Verstehen erhalten, mehr vorbereitete Umgebung finden und auch mehr Anleitung und Mitmachen durch die Erzieherinnen erfahren als jungentypische Tätigkeiten. Den Alltag geschlechtsbewusst zu ge stalten, bedeutet, das Setting des Kindergartens zu hinterfragen und gegebenenfalls jungenspezifischen Tätigkeiten mehr Platz einzuräumen. Auch Bücher oder andere Medien können daraufhin überprüft werden, welche Bilder sie von Jungen und Mädchen bzw. von Männlichkeit und Weiblichkeit zeigen. Dabei ist es wichtig, dass Kinder sowohl Bücher und Medienfiguren brauchen, in denen sie sich und ihre Familiensituation wiedererkennen, andererseits alternative Jungen- und Mädchenbilder kennen lernen können. Dies gilt ebenso für Märchen und andere überlieferte und immer wieder erzählte Geschichten. In vielen Einrichtungen fehlen auch jungentypische Spielmöglichkeiten wie eine Werkbank, technische Geräte, die Möglichkeit Feuer zu machen, eine Verkleidungs kiste mit „männlichen“ Kostümen oder Orte für spannende Körpererfahrungen. Solche Einrichtungen machen aber nur Sinn, wenn die Erzieherinnen selbst etwas damit an fangen können.

Räume
Im typischen Jungenverhalten machen Jungen möglicherweise auch auf Probleme aufmerksam, die der Struktur und dem Rahmen der Einrichtung zugrunde liegen. Jungen und Mädchen benötigen Platz für raumübergreifende Bewegungsbedürfnisse, genauso wie unbeaufsichtigte Nischen zum Rückzug. Hilfreich kann hier die Abtrennung von Raumteilen, die Öffnung der Gruppen, die Verteilung von Spiel- und Funktionsecken auf mehrere Räume sowie die Nutzung zusätzlicher Räume sein. Vor allem auch die freie Natur – auch bei schlechtem Wetter. Toberäume müssen ergänzt werden mit sicheren Zonen an ihrem Rand sowie geschützten Nischen, wie z. B. Buden. Da es Jungen häufig schwerfällt, Räume „schön“ zu gestalten, macht es Sinn einen Raum zu schaffen, der zur Gänze ihnen „gehört“ und dessen Nutzung und Gestaltung sie selbst übernehmen. Das gilt umgekehrt auch für Mädchen, ebenso wie für die Erzieherinnen, die ebenfalls einen Raum haben sollten, in welchen sie sich ungestört zurückziehen können. Darüber hinaus empfiehlt es sich, auch Angebote im geschlechtshomogenen Rahmen zu machen. In der geschlechtshomogenen Gruppe können Jungen leichter in Rollen schlüpfen, die sonst von Mädchen besetzt sind, und sich im Spiel darin wohl fühlen. Sie erhalten dann auch schneller Anerkennung von anderen Jungen für ihr Tun. Ideal wäre es, geschlechtshomogene Angebote durch Männer begleiten zu lassen. Doch hier fehlt es wieder an Männern. Wie können mehr Männer in das KitaGeschehen eingebunden werden? Mit dieser Frage will ich mich in der nächsten Ausgabe beschäftigen.

Peter Moser, Jg. 1965, Vater dreier Kinder, Diplom-Sozialpädagoge, lebt in Potsdam und ist Gründer und Mitarbeiter des Manne e. V. – Potsdam.

Kontakt
www.mannepotsdam.de
Internettipps
Projekt Phönixzeit: www.phoenixzeit.de


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